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THINK BIG - Erfahrungen mit dem Canon RF 200-800/6.3-9.0 IS USM

Ein Gastbeitrag von Michael J. Kochniss

Ich erinnere mich an eine Situation vor vielen Jahren, als ich, die Lieferfrist eines bestellten Standard-Zooms abwartend, zwei Wochen lang mit einem 70-200 mm Zoom an meiner ersten Vollformat-DSLR in der Landschaft unterwegs war und dies kaum aushielt, weil mir die Einstiegsbrennweite als deutlich zu hoch erschien. Seither ist viel passiert, im Laufe der Zeit hat in meinem fotografischen Wirken die Wildlife-Fotografie gegenüber der Landschaftsfotografie den deutlich größeren Anteil gewonnen und spätestens seit dem RF 100-500 L hat sich die einstige Scheu vor höheren Brennweiten in der Landschaftsfotografie ins Gegenteil verkehrt.


Das bereits erwähnte RF 100-500 L IS USM war bis zum Erscheinen des RF 200-800/6.3-9.0 IS USM mein bevorzugtes Zoom im Bereich Wildlife, in Kombination mit einem 1,4x Extender ein vermeintliches 140-700. Vermeintlich deshalb, weil bei Verwendung des Extenders beim RF 100-500 L bauartbedingt nicht der gesamte Brennweitenbereich zur Verfügung steht, sondern lediglich der Bereich von 300 bis 500 mm. Damit ergibt sich mit dem 1,4 Extender ein faktischer Brennweitenbereich von 420 bis 700 mm, was ich im Praxisbetrieb nicht selten als gewisses Handicap empfunden habe.

Denn je nach Motivlage entsteht dadurch nicht selten die Situation des „doppelten“ Objektivwechsels, d. h. Objektiv runter von der Kamera, Extender aufs Objektiv, dann beides wieder auf die Kamera - oder umgekehrt. Nun gehören ja Geduld und Gelassenheit zu den Kernkompetenzen eines jeden Naturfotografen; gleichwohl gibt es Situationen, in denen es entweder schnell gehen muss oder sich ein Objektivwechsel aufgrund widriger Bedingungen nicht unbedingt empfiehlt. Insoweit erschien mir die Aussicht auf eine Zoom-Range von 200 bis 800 mm mehr als verlockend.

Was mich dennoch einige Zeit am Umstieg hinderte, war die Tatsache, dass ich das 100-500 nicht selten auch für komprimierte Landschaftsmotive verwendete und ich einer Verdoppelung der Einstiegsbrennweite von 100 auf 200 sehr skeptisch gegenüber stand.

Letztendlich war es mein hoch geschätzter Fotofreund Florian Warnecke, der mir mit den ersten Bildergebnissen seines neuen RF 200-800 den entscheidenden Anschubser gab - großes Dankeschön an dieser Stelle dafür! Seither sind beinahe zwei Jahre vergangen, in denen mir viele fotografische Aufgabenstellungen begegnet sind - aus meiner Sicht genügend Zeit für einen umfassenden Erfahrungsbericht, der allerdings - darauf möchte ich ausdrücklich hinweisen - eine persönliche und sicher auch gewissermaßen subjektive Schilderung meiner Eindrücke ist und auch sein soll. Und eben kein Testbericht.

Erfahrungen mit dem Canon RF 200-800/6.3-9.0 IS USM © Michael J. Kochniss

Apropos Eindrücke. Die ersten sind ja zumeist haptischer und optischer Natur. Es ist größer und es ist schwerer als das RF 100-500 L, und dies schon in einer gewissen Deutlichkeit. Dafür verfügt es (endlich!) über einen Stativfuß, der lang genug ist um ihn wirklich auch als Tragegriff zu nutzen - und das kommt meiner Gewohnheit, das Objektiv samt Kamera auch bei ausgedehnten Hochgebirgstouren oft über mehrere Stunden in der Hand zu tragen, sehr entgegen. Und ich würde mich dazu hinreißen lassen, den Stativfuß perfekt zu nennen, wäre er ArcaSwiss-kompatibel. So muss man sich mit einer Schiene aus dem Zubehörbereich aushelfen - kleiner Minuspunkt, ist aber bei allen Canon-Modellen der Fall.

Und eine weitere Frage drängt sich auf: „Wo ist der rote Ring?“ Weder im ersten Eindruck noch nach zwei Jahren intensiven Einsatzes konnte und kann ich bis heute keinen erkennbaren haptischen Unterschied zu den L-Objektiven, mit denen ich seit inzwischen fast 20 Jahren in allen erdenklichen festen und variablen Modellvarianten fotografiere, ausmachen. Diese Erwartungen wurden schonmal auf jeden Fall erfüllt.

Aber wie stellen sich nun die Erfahrungen mit dem Canon RF 200-800 dar?

Da wäre zunächst der enorme Zoom-Bereich von 200 bis 800 mm, der mich definitiv seit dem ersten Tag beeindruckt. Hier ist das RF 200-800/6.3-9.0 IS USM deutlich flexibler als die zuvor verwendete Extender-Kombination; der ungeliebte „doppelte Objektivwechsel“ unter Einbeziehung des Extenders  am RF 100-500 gehört der Vergangenheit an. Diese Flexibilität spielt das Objektiv besonders in der Wildlife-Fotografie aus, nicht nur im Ansitz, sondern ganz besonders auch auf der Pirsch.

So war dieser Rehbock im abendlichen Licht der goldenen Stunde eine rein zufällige Begegnung, während ich mich eigentlich im Ansitz auf einen Fuchsbau befand. Fast unbemerkt erschien das Rehwild in größerer Entfernung am Waldrand; dank der enormen Zoom-Range konnte ich schnell reagieren, ohne von ihm bemerkt zu werden, und diese einzigartige Begegnung im feinsten Licht festhalten.

Erfahrungen mit dem Canon RF 200-800/6.3-9.0 IS USM © Michael J. Kochniss
BLICKKONTAKT
EOS R5, 800 mm, 1/2000 s, f/9, ISO 5000, Stativ

Auch bei meinen häufigen Aufenthalten an einem nahe gelegenen Naturschutzsee bietet mir das RF 200-800 ein hohes Maß an Flexibilität. So lassen sich mittelgroße Wasservögel wie die Haubentaucher auch in größerer Entfernung am oberen Brennweitenende ebenso einfangen, wie der sich neugierig nähernde Jungschwan.

Dass ich auch in der Landschaftsfotografie gerne größere Brennweiten einsetze, hatte ich erwähnt; eine Reise in die grandiose Hochgebirgswelt des Nationalparks Hohe Tauern gleich zu Beginn sollte die Praxistauglichkeit der 200 mm als Einstiegsbrennweite auf die Probe stellen.

Erfahrungen mit dem Canon RF 200-800/6.3-9.0 IS USM © Michael J. Kochniss

Unterwegs im Nationalpark Hohe Tauern. Der stabile Stativfuß ist als Tragegriff gut geeignet; aufgrund der ausgewogenen Gewichtsverteilung ist die immerhin etwa 3,8 kg schwere Combo aus R5 mit Batteriegriff und RF 200-800 auch auf tagesfüllenden Touren immer einsatzbereit.

Was mich in den einsamen Tälern der Hohen Tauern immer wieder fasziniert, ist der Übergang vom Herbst zum Winter. Während sich in den Hochtälern der Herbst von seiner farbenfrohen Seite zeigt, klopft in den Gipfellagen bereits der Winter an die Türe. Eine eindrucksvolle Begegnung der Jahreszeiten, die sich mit der komprimierenden Bildwirkung einer Telebrennweite besonders ausdrucksstark festhalten lässt.

Erfahrungen mit dem Canon RF 200-800/6.3-9.0 IS USM © Michael J. Kochniss
BEGEGNUNG DER JAHRESZEITEN
EOS R5, 200mm, 1/200 s, f/11, ISO 200, Freihand

Farbwiedergabe, Bildwirkung und Abbildungsleistung passen perfekt zu meinen übrigen RF-Objektiven, die allesamt einen roten Ring tragen, und wenngleich das RF 200-800 nicht zur L-Serie gehört, ist es dennoch staub- und spritzwassergeschützt. Besonders beeindruckt bin ich seit dem ersten Tag von der Fähigkeit des Objektivs, besondere Lichtstimmungen einzufangen und die Atmosphäre des Augenblicks wiederzugeben.

Diese Fähigkeit begeistert dadurch umso mehr, dass sie über einen enormen Brennweitenbereich zur Verfügung steht und damit eine breite Palette von Möglichkeiten auch außerhalb der Wildlife-Fotografie eröffnet - man muss sich nur trauen, auch in der Landschaft in die hohen Brennweiten vorzustoßen.

Zurück zur Wildlife-Fotografie. Dafür habe ich es ja schließlich gekauft und hier spielt es seine Fähigkeiten voll aus. Die angesprochenen Abbildungseigenschaften und Zoom-Range treffen auf einen schnellen und sicheren Autofokus und ermöglichen somit einen sehr weiten Einsatzbereich.

Bei meinem letzten Besuch auf meiner Lieblings-Insel Helgoland traf ich im vergangenen April auf nahezu perfekte Lichtverhältnisse und dennoch sorgten teils heftige Sturmböen nicht nur für Temperaturen im niedrigen einstelligen Bereich, sondern auch für viel Sand in der Luft - Bedingungen also, bei denen sich ein Objektivwechsel vor Ort definitiv nicht empfiehlt. So war das RF 200-800 permanent auf der R5 im Einsatz, auf der Auswechselbank die R8 mit dem 135/1.8 L (Traumlinse! Blog-Beitrag hierzu bereits in Planung.)

Erfahrungen mit dem Canon RF 200-800/6.3-9.0 IS USM © Michael J. Kochniss
BRING ME FLOWERS
EOS R5, 200mm, 1/2000 s, f/6.3, ISO 640, Freihand

Wenn die Basstölpel ihr Nistmaterial heranschaffen und plötzlich wie aus dem Nichts hinter dem Klippenrand auftauchen, erfordert dies nicht nur ein gewisses Reaktionsvermögen des Fotografen, sondern ganz besonders auch einen schnell reagierenden und treffsicheren Autofokus. Nur so lässt sich der perfekte Moment einfangen, und das mit beeindruckendem Detailreichtum.

Um diesen Detailreichtum zu veranschaulichen, zeige ich aus der folgenden Aufnahme einen Bildausschnitt. Die Dunkelfärbung der Iris dieses Basstölpels deutet übrigens darauf hin, dass er es geschafft hat, die Vogelgrippe zu überleben, die die Helgoländer Basstölpel-Population 2022 erheblich dezimiert hatte.

Bleibt die Frage nach Kritikpunkten und Nachteilen des RF 200-800.

Hin und wieder werden Bokeh und Freistellungspotential des RF 200-800/6.3-9.0 IS USM kritisiert; eine Kritik, die aus meiner Erfahrung nur bedingt berechtigt ist. Natürlich stellt das Objektiv, dessen größte Blendenöffnung bei 600 mm f/8 beträgt, nicht mit der gleichen Wirkung frei wie ein hochlichtstarkes Supertele.

Dennoch müssen auch bei einem 600 mm f/4 die Parameter stimmen, um eine schöne Freistellung und ein angenehmes Bokeh zu erzeugen. Damit meine ich in der Hauptsache die Entfernung des Hauptmotivs zur Kamera (Sensorebene) einerseits und die Entfernung zwischen Hauptmotiv und Hintergrund andererseits. Dass sich bei einer ungünstiger werdenden Konstellation dieser Parameter ein hochlichtstarkes Superteile insgesamt leichter tut, liegt in der Natur der Sache.

Dennoch verdeutlichen die folgenden Aufnahmen, dass das RF 200-800 sehr wohl freistellen kann und auch für eine feine Hintergrundunschärfe sorgt, wenn die genannte Parameter stimmen:

Apropos Bokeh: Bei diesem Thema kommt das Vordergrund-Bokeh nach meinem Geschmack oft zu kurz, obwohl man damit wunderschöne Effekte erzielen kann. So fotografiere ich Vögel im Flug sehr gerne durch Laub und Äste im Vordergrund, wenn sich beispielsweise ein wolkenfreier Himmel für einen Schärfenverlauf im Hintergrund nicht eignet:

Erfahrungen mit dem Canon RF 200-800/6.3-9.0 IS USM © Michael J. Kochniss
SAILING
EOS R5, 600mm, 1/5000 s, f/8, ISO 1250, Freihand

Auch hier bleibt der Autofokus unbeirrt von den Ästen im Vordergrund treffsicher auf dem Motiv.

Der zweite Kritikpunkt am RF 200-800 ist - mit einer gewissen Berechtigung - seine Lichtstärke. Wenn beispielsweise im Ansitz am Fuchsbau die Abenddämmerung einsetzt, stellt sich in der Praxis hin und wieder der Wunsch nach einer größeren Blendenöffnung ein, wenngleich das Rauschverhalten moderner Kamerasysteme und die Rauschreduzierung in der Postproduktion vieles ausgleichen können. Eine höhere Lichtstärke ginge allerdings entweder zu Lasten der Zoom-Reichweite oder von Größe und Gewicht - und hätte zudem massive Auswirkungen auf den Preis.

Insoweit ist Canon aus meiner Sicht eine sehr gute Balance zwischen Zoom-Range, Lichtstärke, Größe und Gewicht gelungen, und das - gemessen an den Möglichkeiten des RF 200-800 - zu einem sehr fairen Preis.

Mein Fazit nach fast zwei Jahren

Das RF 200-800/6.3-9.0 IS USM hat mir Aufnahmen ermöglicht, die bis dahin entweder nicht oder nur mit größerem Aufwand denkbar waren und damit mein Motivspektrum definitiv erweitert, besonders in der Wildlife-, aber auch in der Landschaftsfotografie. Es hat sich im Laufe dieser Zeit nicht nur zu einem unverzichtbaren Bestandteil meines Objektivsortimentes, sondern auch zu meinem persönlichen „Beinahe-Immerdrauf“ entwickelt und meine hohen Erwartungen übertroffen.

Über Michael J. Kochniss

Michael J. Kochniss

Immer auf der Suche nach einer besonderen Lichtsituation, die eine möglichst intensive Atmosphäre erzeugt, steht das fotografische Wirken von Michael J. Kochniss unter dem Motto XPEDITIONLICHT.

Dabei ist sein Bildstil von Minimalismus und der Farbensprache des Herbstes, seiner bevorzugten Jahreszeit, geprägt.

Nach seiner Überzeugung sind es nicht zwingend die berühmten Hotspots, die eine besondere Fotografie hervorbringen oder sogar garantieren.

Für ihn kann eine minütlich wechselnde Nebelstimmung am nahe gelegenen Waldrand spannender sein als eine übervölkerte Sehenswürdigkeit, von der bereits zehntausende Fotografien gemacht und veröffentlicht wurden.

Im Norden der Eifel mit ihrem noch jungen Nationalpark beheimatet, bietet sich in seiner unmittelbaren Umgebung eine der reizvollsten und artenreichsten Mittelgebirgslandschaften Europas.

Seine besondere Leidenschaft gehört den Alpen, denen er aufgrund seiner Biografie auf besondere Weise verbunden ist, und den Landschaften des Nordens.

Weitere Bilder von Michael findet ihr auf seiner Website https://www.xpeditionlicht.eu und auf seinem Instagram-Profil instagram.com/xpeditionlicht

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